Konkurrenz zwischen Verstand und Gefühl

Verstand und GefühlKennst Du auch Situationen, in denen Dein Verstand und Deine Gefühle miteinander konkurrieren? Oder bist Du eher jemand, der sich lieber nur auf den Verstand verlässt, um auf Nummer sicher zu gehen? Gefühle sind ja gesellschaftlich eher nicht erwünscht und gelten in vielen Situationen als unangemessen. Warum ihnen also überhaupt Aufmerksamkeit schenken? Klingt erst mal logisch, aber funktioniert es auch?

Dazu ein kurzer Ausflug in die Neurowissenschaften, beginnend mit einem Blick in Dein Gehirn: Der Ort, an dem Deine Gefühle gespeichert und verarbeitet werden, ist das emotionale Gehirn. Es befindet sich im Inneren des Gehirns, dem entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns, auch limbisches System genannt. Das emotionale Gehirn funktioniert unabhängig vom höher entwickelten kognitiven Teil des Gehirns, der Großhirnrinde, in der Sprache, Wahrnehmung und Denken angesiedelt sind. Das emotionale Gehirn kontrolliert das autonome Nervensystem, also alle Vorgänge, die ohne Dein Bewusstsein ablaufen: Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Verdauung, Schlaf, Hormonhaushalt und Immunsystem.

Emotionale Intelligenz

Die Verbindung zwischen beiden Gehirnteilen ist der frontale Cortex, die „Hauptschaltzentrale“ des Gehirns, über die alle Eindrücke und Gefühle rein- und rauslaufen. Dieser frontale Cortex liegt im am höchsten entwickelten Bereich des Gehirns und ist so etwas wie ein Dirigent in einem riesigen Orchester, der das Zusammenspiel aller Instrumente regelt. Die kognitiven und emotionalen Gehirnteile nehmen Informationen aus der Umgebung gleichzeitig auf und arbeiten entweder harmonisch zusammen, oder konkurrieren um die Kontrolle des Verhaltens. Das Ergebnis dieses Zusammenspiels bestimmt Dein Verhältnis zur Umwelt und zu anderen Menschen.

Dieses Zusammenwirken von Gefühl und Verstand drückt sich auch in der „Emotionalen Intelligenz“ aus. Dies ist die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühlszustände wahrzunehmen, zu verstehen und damit umzugehen. Heute ist unumstritten, dass die emotionale Intelligenz einen deutlich höheren Einfluss auf Erfolg im Leben hat, als die kognitive Intelligenz.

Eine Rivalität zwischen beiden Gehirnen macht unglücklich. Ergänzen sie sich dagegen, indem das emotionale Gehirn die Richtung vorgibt und das kognitive diese Richtung so intelligent wie möglich verfolgt, entstehen Harmonie und Wohlbefinden. Schwierig wird es, wenn der Verstand die Führung übernimmt und alle Impulse der inneren Stimme übergangen werden. Das passiert z. B., wenn Du Ziele verfolgst, die gar nicht Deine eigenen sind, oder wenn Du versuchst, gesellschaftliche Normen zu erfüllen, die nicht zu Deinem Charakter passen.

Zusammenspiel und Konkurrenz

Bei großem Stress hat das emotionale Gehirn hat die Fähigkeit, den frontalen Cortex regelrecht auszuschalten. Die Verhaltenssteuerung erfolgt dann nur noch aufgrund von Reflexen und Instinkten, die in Notsituationen Vorrang haben, da sie das Überleben besser sichern können als abstrakte Überlegungen. Wenn Gefühle also zu übermächtig werden, geht die Kontrolle über das Denken verloren. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, uns unseren eigentlichen Interessen und Werten entsprechend zu verhalten. Angststörungen und Panikattacken sind Beispiele für solche emotionalen Kurzschlussreaktionen: Auch wenn das kognitive Gehirn keinen Grund für einen Alarmzustand erkennen kann, ist es nicht mehr in der Lage, angemessen auf die Situation zu reagieren.

Das kognitive Gehirn hat jedoch die Fähigkeit, gefühlsmäßige Reaktionen zu dämpfen, bevor diese alles andere überlagern. Diese Gefühlskontrolle kann allerdings auch gefährlich werden: Wenn Du sie zu oft einsetzt, verlierst Du die Fähigkeit, die Hilferufe Deines emotionalen Gehirns zu hören. Wenn Du als Kind gelernt hast, dass Gefühle nicht erwünscht sind, ist es für Dich vielleicht normal, Gefühle zu unterdrücken. Dann hast Du wahrscheinlich keinen Zugang zu Deiner inneren Stimme.

Denn durch die Trennung von Denk- und Gefühlsapparat verlierst Du die Fähigkeit, die kleinen Alarmsignale Deines emotionalen Gehirns wahrzunehmen. Es scheint zig Gründe zu geben, eine belastende Situation nicht zu verändern. Doch die Belastung verschwindet keineswegs dadurch, dass Du vor ihr die Augen verschließt. Sie äußert sich schließlich in körperlichen Symptomen, da der Körper in enger Verbindung mit dem emotionalen Gehirn steht. Der Körper dient nur als Signalverstärker.

Verstand allein macht nicht gesund

Um gesund zu bleiben, ist es also wichtig, ein offenes Ohr für die Signale des emotionalen Gehirns zu haben. Dein seelisches (und in der Folge auch körperliches) Wohlbefinden ist die Folge von Vorgängen des emotionalen Gehirns, die ihren Ursprung oft in Erlebnissen der Vergangenheit haben. Ohne dass Du Dich daran erinnern kannst, haben sich Erfahrungen unauslöschlich in Dein emotionales Gehirn eingebrannt und beeinflussen Dein Empfinden und Verhalten auch noch sehr viel später, manchmal ein Leben lang. Die Schwierigkeit einer „Umprogrammierung“ des emotionalen Gehirns liegt darin, dass es für Sprache und Vernunft nicht empfänglich ist. Darauf basieren jedoch sehr viele Methoden.

Wesentlich besser kann das emotionale Gehirn dagegen durch körperliche Methoden beeinflusst werden, denn das emotionale Gehirn ist viel enger mit dem Körper verbunden und „kennt“ ihn besser als das kognitive Gehirn. Gefühle werden ja auch im Körper erlebt und nicht im Kopf. Das emotionale Gehirn lernt am besten durch Erfahrungen, deswegen sind handlungs- und erlebnisorientierte Ansätze am besten geeignet für Veränderungen. Ebenen auf denen gearbeitet werden kann, sind die Motorik (Bewegungen, Handlungen), Sensorik (Empfindungen), Interaktionen (Beziehungen), Energien und Vorstellungen (innere Bilder). Ein Beispiel für eine körperliche Methode der Gefühlssteuerung ist das Herzkohärenz-Training, das zu innerer Gelassenheit und gesunder Selbstregulationsfähigkeit beitragen kann. Weitere Methoden werde ich in späteren Beiträgen noch vorstellen.

Was Du noch tun kannst

70 % Deines Energiehaushalts werden durch Emotionen beeinflusst. Das spricht dafür, dass ein Emotionsmanagement noch viel wichtiger als ein Zeitmanagement ist. Emotionen können Dich auslaugen, oder aufbauen. Daher ist es wichtig, eine Kultur der Achtsamkeit für die eigenen Emotionen zu fördern. Menschen sind emotionale Wesen, die auch Gedanken haben und nicht umgekehrt, wie in unserer Gesellschaft oft propagiert.

Um mehr vom Denken ins Fühlen zu kommen, lenke Deine Aufmerksamkeit immer wieder ins Hier und Jetzt. Fühlen geschieht immer nur in der Gegenwart, ohne Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft. Lass deinen Verstand mit all seinen Definitionen immer wieder mal für einen Augenblick beiseite und nimm die Dinge so wahr, wie sie sind. Wie Du Dich auch unangenehmen Gefühlen zuwenden und ihnen dadurch die Macht entziehen kannst, kannst Du hier nachlesen.

Um Dein Wohlbefinden zu fördern, brauchst Du für jede unangenehme, auslaugende Emotion mindestens so viele und starke angenehme Emotionen, die Dich aufbauen. Der Treibstoff für gesunde Veränderungen im emotionalen Gehirn sind Freude und Begeisterung. Begeisterung entsteht durch neue, bedeutungsvolle Erfahrungen, also das Gegenteil von Routine. Fühle in Dich hinein, was Du wirklich aus Dir selbst heraus tust, weil es Dir Freude bereitet. Was begeistert Dich? Was inspiriert Dich? Wo kommt bei Dir Entdeckerfreude und Gestaltungslust auf? Wofür könntest Du Dich öffnen, um Deine Potenziale besser zu entfalten? Und welchen Schritt dahin kannst Du sofort in die Tat umsetzen?

Wenn Du diese Fragen für Dich beantworten kannst und danach handelst, aktivierst und stärkst Du selbst Dein emotionales Gehirn und tust Du das Beste für Deine Gesundheit, was Du nur tun kannst.

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