Mit Herz und Verstand

HerzschlagWusstest Du, dass Dein Herz ein eigenes Gehirn hat, das eigenständig wahrnehmen und lernen kann? Es besitzt ein eigenes Netzwerk mit zigtausenden von Nervenzellen, die Informationen aufnehmen, verarbeiten und an den restlichen Körper sowie Dein Gehirn weiter leiten. Außerdem hat Dein Herz eine eigene kleine Hormonfabrik und ein elektromagnetisches Feld, welches noch in meterweiter Entfernung messbar ist! Ein riesiges Potenzial! Lerne hier, wie Du beginnen kannst, es zu nutzen.

Emotionales Gehirn und emotionale Intelligenz

Dein Herz-Gehirn steht über das autonome Nervensystem in Wechselwirkung mit dem für unbewusste Prozesse verantwortlichen Teil Deines Kopf-Gehirns, dem emotionalen Gehirn (auch limbisches System genannt). Wenn Dein emotionales Gehirn aus den Fugen gerät, leidet Dein Herz darunter – und auch umgekehrt beeinflusst das Gleichgewicht Deines Herzens ständig Dein Gehirn und Deinen gesamten Organismus. Manche Herzspezialisten sprechen sogar von einem untrennbaren „Herz-Hirn-System“. Wenn Herz und Gehirn im Gleichgewicht sind, fühlst Du Dich energievoll, ausgeglichen und gesund.

Du siehst also, dass die Bedeutung des Herzens als Ort der Gefühle nicht nur eine Metapher ist. Die Beziehung zwischen dem emotionalen Gehirn und dem Herz-Gehirn ist einer der Schlüssel zur emotionalen Intelligenz. Wenn Du lernst, Dein Herz unter Kontrolle zu bringen, kannst Du damit auch Deine Gefühle beeinflussen – und umgekehrt. Emotionale Muster können damit verändert werden, was eine heilende Wirkung auch auf den Körper haben kann.

Mit einer einfachen, aber wirkungsvollen Übung kannst Du lernen, Dein Herz, Deinen Verstand und Deine Emotionen in Einklang zu bringen, was wiederum zu einer tieferen Verbindung zu Deiner Intuition, aber auch zu Deinem gesunden Menschenverstand und sogar zu Deinem Lebensfluss führt: Ein Zustand, der auch als Flow bezeichnet wird. Wenn die Verbindung zum Herzen dagegen fehlt, werden Verstand und Emotionen chaotisch und bringen Dich in einen Kreislauf von sich selbstverstärkendem Stress.

Kohärenz und Anpassungsfähigkeit

Mit Hilfe von Biofeedback-Systemen kann man das sogar sichtbar machen: Bei gesunden Menschen werden die Herzfrequenz und die Intervalle zwischen den Herzschlägen ständig angepasst, wobei der Wechsel zwischen Beschleunigung und Bremsen gleichmäßig verläuft. Diese Veränderlichkeit (Variabililtät) ist ein Zeichen guter Anpassungsfähigkeit des Herzens und wird auch als „Kohärenz“ bezeichnet. Das Gegenteil davon ist „Chaos“: Bei Stresszuständen, Angstgefühlen, Depressionen oder Zorn wird der Herzschlag immer ungleichmäßiger, also „chaotischer“, ohne dass Du selbst es bemerkst.

Mit zunehmendem Alter wird die Herzratenvariabilität (HRV) immer geringer, ein Zeichen dafür, dass der Körper sich immer weniger gut an Veränderungen anpassen kann. Die Variabilität wird auch immer geringer, wenn die natürliche Bremse, nämlich der für Entspannung zuständige Parasympathikus, zu wenig trainiert wird. Wie ein nicht benutzter Muskel verkümmert das Bremssystem. Der Beschleuniger, der Kampf- und Fluchtreaktionen steuernde Sympathikus, bleibt hingegen weiterhin im Einsatz. Du kannst es Dir vorstellen wie ein Auto, das zwar beliebig beschleunigen, aber nicht mehr auf Befehl abbremsen kann.

Herzkohärenz-Training

Von praktischer Bedeutung ist, dass Du selbst Dein Herz von einem chaotischen in einen kohärenten Zustand versetzen kannst, indem Du Dich auf Dein Herz konzentrierst und Dir ein angenehmes Gefühl in Erinnerung rufst. Im Unterschied zur Meditation brauchst Du also nicht in einen Zustand der Gedankenleere zu kommen, sondern erinnerst Dich einfach an erfreuliche Situationen, in denen Du angenehme Gefühle erlebt hast – und dabei konzentrierst Du Dich auf Dein Herz. Dieses einfache Vorgehen ermöglicht Dir innere Ruhe, mit etwas Übung sogar in Stresssituationen.

Das Heart-Math-Institute in Kalifornien (www.heartmath.org) hat ein Herzkohärenz-Training in drei Schritten entwickelt, mit dem Du Deinem Herz und Deinem Gehirn die Möglichkeit gibst, ihre Übereinstimmung wieder zu gewinnen:

  1. Aufmerksamkeit nach innen lenken (Stabilisierung)
    Zweimal langsam und tief einatmen und bewusst bis zum Ende ausatmen, nach dem langsamen Ausatmen kurz pausieren, bis der Körper von sich aus nach dem nächsten Atemzug verlangt (das regt den Parasympathikus an und verlagert das Gleichgewicht in Richtung Bremse).
  2. Aufmerksamkeit auf die Herzgegend richten (herzfokussiertes Atmen)
    Sich bildlich und sinnlich vorstellen „durch“ das Herz (oder die zentrale Brustregion) zu atmen. Assoziation: Das Einatmen liefert Sauerstoff und frische Energie, das Ausatmen bläst alle überflüssigen Abfallstoffe weg (wie ein Bad in frischer, reinigender Luft).
  3. Aufmerksamkeit auf Wärme und Ausdehnung richten
    Die Ausbreitung von Wärme und Ausdehnung in der Brustregion vorstellen und fühlen (diese ist anfangs nur schwach ausgeprägt und wird mit jedem Üben besser fühlbar). Hilfestellung: Konzentration auf ein Gefühl er Dankbarkeit oder Liebe (an einen lieben Menschen oder ein geliebtes Tier denken oder sich an ein Glücksgefühl bei einer Tätigkeit erinnern). Wenn ein Lächeln aufkommt, ist das ein Zeichen von Kohärenz.

Die Übung dauert nur wenige Minuten und wirkt umso schneller und besser, je regelmäßiger Du sie anwendest. Je länger und intensiver Du übst, desto leichter findest Du zur Kohärenz. Doch auch schon nach den ersten Übungen wirkt sich das Herzkohärenz-Training deutlich aus. Am effektivsten kannst Du diese Übung nutzen, wenn Du sie mehrmals täglich (nach dem Aufwachen, vor dem Einschlafen, aber auch tagsüber zwischendurch) durchführst. Du kannst sie jederzeit überall anwenden, ohne dass es jemand merkt.

Auswirkungen des Herzkohärenz-Trainings

Besonders wirksam ist die Technik in Situationen, in denen Du Stress (oder Angst, Frustration, Verunsicherung) aufkommen spürst und eine Eskalation negativer Gefühle verhindern willst. Aber auch wenn die Stressreaktion in vollem Gange ist, kannst Du damit Dein inneres Gleichgewicht wieder herstellen.

Forscher des Heart Math Institutes konnten nachweisen, dass schon die Erinnerung an ein angenehmes Gefühl oder auch nur eine gedachte Szene sehr schnell den Übergang von einem chaotischen Herzschlag zur Kohärenz auslösen kann. Das emotionale Gehirn erkennt dies und reagiert darauf, indem es die Kohärenz des Herzschlags verstärkt. Diese positive Rückkopplung stabilisiert das autonome Nervensystem, also das Gleichgewicht zwischen Sympathikus (Beschleuniger) und Parasympathikus (Bremse).

Dieser Gleichgewichtszustand versetzt Dich in einen gesunden Zustand hoher Leistungsfähigkeit. Du kannst sowohl auf die kognitiven Funktionen Deines Gehirns, als auch auf Deine Intuition zugreifen. Einige Effekte der Herzkohärenz sind sofort spürbar: Der Energieverbrauch sinkt, die Atmung wird ruhiger, der Blutdruck sinkt, Müdigkeit nimmt ab und Stress wird als weniger belastend empfunden. Die Bewältigbarkeit von Belastungen und Anforderungen des Lebens steigt. Aber auch Alterungsprozesse verlaufen langsamer, die Immunabwehr steigt, und sogar Ängste und Panikattacken, ebenso wie Depressionen lassen sich wirksam behandeln. Kurzum: Kohärenz ist und hält gesund.

In kohärentem Zustand kannst Du Dein Herz auch für einen inneren Dialog nutzen und Fragen stellen, die Dich gerade bewegen. Das Herz ist eine Art Brücke zwischen Verstand und Bauchgefühl und kann Dir bei wichtigen Entscheidungen helfen. Genau darum wird es im nächsten Beitrag in einer Woche gehen.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Antoine de Saint-Exupery in „Der kleine Prinz“

4 Gedanken zu „Mit Herz und Verstand

  1. Petra

    Liebe Karin, dies ist ein schöner, sehr schöner Artikel…..kann ich bestimmt für meine Entspannungskurse gebrauchen. Lieben Dank dafür!
    Petra

    Antworten

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