Nicht wer hinfällt hat verloren, sondern wer liegen bleibt

Wir alle wollen Glück im Leben erreichen und Schönes erleben. Aber ohne das Gegenteil, also das Unschöne, das wir immer vermeiden wollen, könnten wir das Schöne gar nicht als Glück empfinden. Licht und Schatten gehören zusammen, ohne das eine gäbe es nicht das andere. Krisen gehören also zum Leben dazu, wir können sie gar nicht vermeiden. Worauf wir aber Einfluss haben, ist unser Umgang damit. Das Schicksal mischt die Karten, aber wir führen Regie und spielen!

Ressourcenstärkung Teil 2: Bewältigbarkeit

„Die Weisheit eines Menschen misst man nicht nach seinen Erfahrungen, sondern nach seiner Fähigkeit, Erfahrungen zu machen.“ (George Bernard Shaw )
Dieses Zitat rückt den aktiven Teil von Erfahrungen in den Fokus – sie brechen nicht nur ungewollt über uns herein, sondern können aktiv gestaltet werden. Darum geht es auch beim Thema der „Bewältigbarkeit“ im Salutogenese-Konzept, welches ich hier praktisch erfahrbar machen möchte.

Für den gesunden Umgang mit belastenden Lebensereignissen hatten wir uns in den letzten zwei Beiträgen bereits mit dem Kohärenzgefühl befasst, das sich aus den Komponenten Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit zusammensetzt. Im letzten Artikel habe ich Dir Strategien zur persönlichen Nutzung der Komponente der Verstehbarkeit gezeigt. Falls Du den Beitrag verpasst hast, kannst Du ihn hier noch einmal lesen.

Heute zeige ich Dir, wie Du Deine inneren Ressourcen aktivieren kannst, um schwierige Situationen besser bewältigbar zu machen. Dabei geht es darum, mit dem, was Dir das Leben bietet, so umzugehen, dass du gesund bleibst und möglichst daran wächst. Es wird immer wieder Dinge im Leben geben, die Dich „umhauen“, doch es gibt noch viel mehr Gründe, um sich wieder aufzurichten und weiterzumachen – gestärkter als zuvor. Nicht wer hinfällt hat verloren, sondern wer liegen bleibt.

Zur Bewältigung von Belastungen gehört das Treffen von Entscheidungen. In Situationen, auf die Du nicht vorbereitet bist, werden Dir Entscheidungen abverlangt, bei denen Du nicht immer sicher bist, was am besten ist. Die schlechteste Option ist, gar keine Entscheidung zu treffen. Sich vor einer Entscheidung zu drücken, ist erst mal leicht, aber vor den Folgen einer nicht getroffenen Entscheidung kannst Du Dich dann nicht mehr drücken.

Mache Dir bewusst, dass Du in jedem Augenblick auf die beste Dir mögliche Weise handelst. Und wenn es einmal nicht so gut damit läuft, kannst Du immer wieder eine neue Entscheidung treffen. Auch Entscheidungen, die sich im Nachhinein als nicht die Richtigen herausstellen, bringen Dich weiter. Selbst wenn Du Deinen Weg gerade nicht sehen kannst und Angst vor dem nächsten Schritt hast, triff eine Entscheidung mit Deinem Herzen, geh den ersten Schritt und steh zu Deiner Entscheidung.

Stelle Dir die Frage: „Was kann ich tun, um die Situation zu verändern?“ Eine gute Voraussetzung für eine konstruktive Lösung ist Neugier. Falls Du noch Dein Beispiel eines kritischen Lebensereignisses vom letzten Mal im Kopf hast, versuche doch einmal herauszufinden, welche der folgenden Alternativen darauf anwendbar ist. In Kurzform lauten diese: Verändere etwas, trenne Dich davon oder lerne, es zu lieben (change it – leave it – love it).

  1. Verändern:
    Was kannst Du dazu beitragen, dass sich etwas verändert? Was ist Dein Anteil an der Situation? Wenn Du etwas ändern möchtest, fange grundsätzlich bei Dir selbst an. Auf alles andere hast Du ohnehin nur begrenzten Einfluss. Da alles mit allem zusammen hängt, ändert sich auch die Situation (und sogar andere Menschen), sobald Du Dich veränderst.
    Die Veränderungen müssen gar nicht groß sein, dafür aber stetig. Gehe also lieber in kleinen Schritten vor, dann erkennst Du schnell die Wirkung und kommst am sichersten zum Ziel. Ein Chinesisches Sprichwort sagt: „Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der damit angefangen hatte, kleine Steine wegzutragen.“ Wichtig ist nur, den ersten Schritt zu tun und dann dran zu bleiben.
  2. Sich trennen:
    Wenn keine Veränderung der Situation möglich ist, gibt es manchmal noch die Möglichkeit, sie ganz zu verlassen. Oft ist es eine große Herausforderung an Deine Selbstverantwortung, eine belastende Situation ganz zu verlassen, weil damit meist auch liebgewonnene Sicherheiten verbunden sind (z. B. in einem Job oder einer Partnerschaft). Eine Trennung bedeutet in diesem Fall den Verlust von Sicherheit, aber gleichzeitig die Chance auf einen Neuanfang.
    Auf der anderen Seite ist eine Trennung manchmal aber auch nur die Flucht vor dem eigentlichen Problem. Dann wirst Du eventuell eine (oder mehrere) ähnliche Situationen erneut erleben und Dich vielleicht wundern, warum Dir das immer wieder passiert. Dann ist es Zeit für die Frage, mit der wir uns beim Thema Verstehbarkeit bereits beschäftigt haben: Was gibt es hier für mich zu lernen?
  3. Lieben lernen:
    Diese Alternative ist bei großen Schicksalsschlägen sehr herausfordernd, aber manchmal auch die einzige verbleibende Möglichkeit, wenn keine Veränderung oder Trennung möglich ist. Lieben lernen hat viel mit der Fähigkeit zu tun, das Gute im Schlechten zu sehen. Auch schwierige und problematische Ereignisse haben irgendetwas Gutes. Ob etwas gut oder schlecht ist, ist auch eine Frage der Perspektive. Entscheidend ist immer Deine Reaktion. Versuche aus dem, was Dir widerfährt, das Beste zu machen, wenn Du es schon nicht ändern oder ganz aus Deinem Leben entfernen kannst.
    Eine gute Übung dafür ist, bei allem, was Dir widerfährt, danach zu fragen, wie es sich für Dich positiv auswirken könnte. Versuche, immer wieder Beweise dafür zu finden, warum etwas gut ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht. Damit übst Du, Deinen Fokus in die von Dir gewünschte Richtung zu lenken, und wenn Du das lange genug tust, programmierst Du Dein Unterbewusstsein auf positive Ereignisse. Klingt einfach? Ist es auch, Du musst es nur machen.

Eine Grundkompetenz für alle drei, insbesondere aber für die Alternative „Lieben lernen“, ist Gelassenheit. Es bedeutet die Akzeptanz dessen, was geschieht, also einer Widerstandslosigkeit dem Leben gegenüber. Wenn Dir bewusst ist, dass Krisen zum Leben dazu gehören, dass Du nichts für immer festhalten kannst und Deine Welt jederzeit in ihren Grundfesten erschüttert werden kann, fällt es Dir leichter, gelassen zu bleiben.

Es geht also um die Akzeptanz, dass das Leben ständig für Veränderung sorgt und die Dinge nicht immer so laufen, wie Du Dir das vorstellst. Diese Widerstandslosigkeit sorgt dafür, dass Du auch in schwierigen Situationen nicht den Kopf verlierst. „Nichts ist entspannender als das anzunehmen, was kommt.“ sagte einmal der Dalai Lama. Dies gilt umso mehr, wenn Du es ohnehin nicht ändern kannst.

Gelassenheit bedeutet auch, nicht mehr gegen Deine Gefühle anzukämpfen, die Du gegenüber belastenden Ereignissen hast. In dem Moment, wo Du nicht mehr dagegen ankämpfst, sondern alle Gefühle zulässt, verlieren sie ihre Macht am schnellsten. Statt deine Aufmerksamkeit auf Deine Wut, Trauer oder Angst zu richten, kannst Du so viel besser ins Handeln kommen und Deine Lebenszeit so gestalten, wie es für Dich am besten ist.

So kannst Du dabei vorgehen:

  1. Nimm das Gefühl genau wahrWo im Körper kannst Du es fühlen? Welche Körperteile sind betroffen? Kannst Du die Qualität und Intensität beschreiben? Verändert sich das Gefühl, oder breitet es sich aus?
  2. Atme tief ein und aus
    Mit tiefer Atmung beruhigst Du Dein körpereigenes Stresssystem: Die Muskelanspannung lässt nach und der Puls beruhigt sich, denn die Adrenalin-Ausschüttung wird gestoppt. Atme in den Körperbereich des zuvor wahrgenommenen Gefühls hinein und gib diesem dadurch Raum. Damit löst sich der Widerstand.
  3. Zulassen und loslassen
    Wenn Du Deinem Gefühl vorbehaltlos erlaubst, da zu sein, brauchst Du nicht mehr dagegen anzukämpfen. Fast wie von selbst löst es sich dann auf und gibt Dir die Energie, wieder handlungsfähig zu werden.

Diese Gelassenheitsübung funktioniert natürlich nicht von jetzt auf gleich, sondern muss wie beim Muskeltraining immer wieder geübt werden. Aber es lohnt sich, denn Du bist schwierigen Situationen, die Du weder ändern noch verlassen kannst, weniger ausgeliefert und kommst viel eher wieder in die Selbstbestimmung. Genau das bedeutet Bewältigbarkeit.

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