Wer soll das verstehen?

Lichte den Nebel und erfahre hier, wie Du die Erkenntnisse des Salutogenese-Konzepts auf Dein eigenes Leben anwenden kannst. Die Frage ist: Wie erreichst Du in der Praxis ein Kohärenzgefühl? Alles klar? Falls Du den letzten Beitrag verpasst hast, kannst Du ihn hier noch einmal lesen.

Eine wichtige Rolle spielen die persönlichen Widerstandsressourcen. Gesundheit ist auf der einen Seite von „äußeren Umständen“ abhängig: Wer einen hohen Lebensstandard, starke soziale Bindungen und eine gute Bildung hat, hat erst mal gute Voraussetzungen, gesund zu bleiben. Ebenso ausschlaggebend sind aber auf der anderen Seite die „inneren Umstände“, wie der persönliche Umgang mit Lebensereignissen, aber auch ganz grundsätzlich eine positive Selbstbeurteilung und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann dauerhaft gesund bleiben.

Ressourcenstärkung Teil 1: Verstehbarkeit

Für den gesunden Umgang mit belastenden Lebensereignissen hatten wir uns im letzten Beitrag mit dem Kohärenzgefühl befasst, das sich aus den Komponenten Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit zusammensetzt. Heute zeige ich Dir, wie Du Deine inneren Ressourcen aktivieren kannst, die Dir dabei helfen, die Komponente der Verstehbarkeit für Dich zu nutzen.

Bei der Verstehbarkeit geht es zunächst um den kognitiven, also mentalen Prozess des Kohärenzgefühls. Damit gemeint ist alles, was mit gedanklichen Verarbeitungsmustern von Erlebnissen und Erfahrungen zu tun hat. Diese Verarbeitung ist verbunden mit einer „Informationsumgestaltung“: Deine Aufmerksamkeit, Deine Wahrnehmung, Deine Erinnerungen, aber auch Dein Glaube verändern das, was Du erfährst und lassen in Dir ein eigenes Konstrukt entstehen, welches Du als die objektive Realität empfindest – was aber letztendlich nur Deine Vorstellung davon ist.

Die Verstehbarkeit hängt also weniger mit dem Ereignis an sich zusammen, als mit Deiner Art der Informationsverarbeitung. Daher kann ein und dasselbe Ereignis für den einen mehr und für den anderen weniger verstehbar sein. Es hängt davon ab, welche Gedanken, Meinungen und Einstellungen Du aus bisherigen Erfahrungen und deren Verarbeitung „kreiert“ hast.

Dein Gehirn tut nichts anderes, als Situationen auf ihre Ursachen hin zu analysieren, und zwar im Kontext des bisher Erlebten. Es werden Zusammenhänge hergestellt zwischen aktuellen und früheren Geschehnissen, sowie deren Bedeutung. Wie bereits der antike Philosoph Epiktet bemerkte, sind es nicht die Dinge selbst, die Dich beunruhigen, sondern das, was Du über diese Dinge denkst.

Lass uns das Ganze einmal an einem konkreten Beispiel durchdenken. Nein, nicht nur durchdenken, sondern durchspielen! Denn beim Spielen kommen neue kreative Möglichkeiten hinzu, die das Denken nicht zulässt. Also: Nimm ein möglichst aktuelles Ereignis aus Deinem Leben, bei dem Du Dich fragst, warum Dir das passieren musste. Es sollte etwas sein, was Du als Ungerechtigkeit oder gar als Strafe des Lebens empfindest.

Jobverlust, Trennung des Partners oder Tod eines Angehörigen sind ein paar herausfordernde Beispiele. Aber es geht auch mit weniger großen Herausforderungen des Lebens. Besonders im akuten Moment ist die Verstehbarkeit erst mal nicht vorhanden. Es geht auch gar nicht darum, Gefühle nicht zuzulassen oder irgendetwas weg zu diskutieren bzw. sich schön zu reden. Ganz im Gegenteil: Das Zulassen der Gefühle ist sogar sehr wichtig, denn Gefühle sind Energien, die freigesetzt werden müssen, damit sie nicht im Körper „gespeichert“ werden. Erst danach kannst Du wieder vorwärts schauen und einen neuen Weg finden.

Kein Problem ist so groß, dass Du es nicht dadurch beeinflussen könntest, wie Du darüber denkst. Du kannst einer Lösung zumindest näher kommen, indem Du Deine Gedanken darüber änderst. Es hat nicht viel Sinn, immer wieder darüber zu grübeln, warum Dir das passiert ist, denn ein zu sehr rückwärtsgewandter Fokus verstellt Dir den Blick für noch verbliebene Möglichkeiten.

Stelle Dir stattdessen folgende Frage: Was gibt es hier für mich zu lernen? Diese Frage lenkt die Verstehbarkeit nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Damit wird eine Krise plötzlich zu einem Anlass, ein Gedankengefängnis zu verlassen und sich weiter zu entwickeln. Es geht darum, von einem verzweifelten in einen produktiven Zustand zu kommen. Anforderungen und Zumutungen werden dann weniger als willkürlich, chaotisch und schicksalshaft empfunden.

Auch wenn diese Sichtweise zunächst ungewohnt ist, versuche einmal mit möglichst großer Offenheit an diese Frage heran zu gehen: Was gibt es hier für mich zu lernen? Gehe vor wie beim Googlen: Gib die Frage ein und sei offen für alle Antworten, die da kommen. Man nennt das auch „Anfängergeist“. Versuche es mit folgenden Möglichkeiten:

  1. Brainstorming bzw. Brainwriting: Schreibe so schnell wie möglich so viele Antworten wie möglich auf, ohne groß darüber nachzudenken. Wenn Du das einmal gemacht hast, wirst Du den Wert dieser Technik schätzen lernen. Du kannst damit zu ungeahnten Möglichkeiten kommen.
  2. Frage Dich, was ein guter Freund von Dir in der gleichen Situation denken und tun würde. Manchmal drehst Du Dich mit Deinen Gedanken nur noch im Kreis, so dass es hilfreich ist, die Perspektive zu verändern und einmal von außen auf Dich selbst zu schauen.
  3. Was würden Dir Menschen raten, die Du schätzt, oder die für Dich ein Vorbild sind? Wie gehen andere Menschen mit Deinem Problem um? Wenn Dir selbst Kompetenzen fehlen, kannst Du diese vielleicht von anderen Menschen übernehmen?
  4. Wie bist Du bisher mit ähnlich großen Problemen umgegangen? Konntest Du daran wachsen? Wenn nicht, könnte es sein, dass Du wiederholt die gleichen Probleme aufgetischt bekommst, gerade um Dich weiter zu entwickeln?
  5. Welche Bedeutung wird das Ereignis in einem Jahr noch haben? Und in fünf Jahren? Oder gar in 10 Jahren? Die Antworten auf diese Fragen relativieren manchmal die aktuell gefühlte Dramatik.

Falls Du nicht sofort zu befriedigenden Antworten kommst, kann Dich auch Dein Unterbewusstsein unterstützen, das recht zuverlässig Antworten auf jede gestellte Frage findet. Bei negativen Fragen, wie z. B. „Warum muss mir das schon wieder passieren?“ oder „Warum immer ich?“ werden genauso Antworten gefunden, die sich allerdings negativ auf Dich auswirken.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Stelle grundsätzlich positive Fragen! Lass Dein Unterbewusstsein so lange für Dich arbeiten, bis es gute Antworten gefunden hat. Stelle ruhig die gleichen (positiven) Fragen immer wieder. Dieselbe Frage kann jeden Tag neue Antworten liefern. So kannst Du jede Menge Ideen sammeln, was Du tun könntest, damit es Dir besser geht.

Die richtigen Fragen zu stellen ist wie Samen säen für zukünftige Veränderungen. Damit wird Dein Fokus ganz automatisch in die richtige Richtung gelenkt – die Richtung, in der Du Lösungen findest und keine Schuldzuweisung und Selbstverurteilung. Hilfreiche Fragen für Dein Unterbewusstsein sind z. B.:

  1. Welche Einstellung könnte mir helfen, um mit dem Ereignis besser umzugehen?
  2. Was könnte ich tun, damit es mir besser geht?
  3. Was könnte mir nutzen für meinen weiteren Weg?
  4. Was wäre hilfreich für meine Entwicklung?
  5. Welche Sichtweise wäre für mich stimmiger?
  6. Wie kann ich mich auf etwas Neues einlassen?
  7. Warum ist es leicht, etwas zu erreichen bzw. zu verändern?

Du wirst Dich wundern, was für Antworten nach einer Weile auftauchen werden! Und zwar meist dann, wenn Du am wenigsten damit rechnest, nämlich wenn Du Dich gerade nicht darauf konzentrierst. Auch wenn Du Dich scheinbar gerade ausruhst, arbeitet Dein Unterbewusstsein an Aufgaben weiter und liefert Dir genau dann die besten Lösungen.

Um für Dich die Verstehbarkeit eines Ereignisses zu erhöhen, kannst Du also einerseits Deinen Verstand nutzen, aber andererseits auch Dein Unterbewusstsein, also Deine innere Stimme. Wenn Du gedanklich nicht sofort zu einer guten Lösung kommst, lasse das Problem etwas ruhen. Deine innere Stimme ist eine Art ganzheitliche Weisheit, die weiß, was für Dich das Beste ist. Die Lösung ist bereits in Dir, sie muss nur eine Chance bekommen, sich zu zeigen.

Wenn Du ja sagst zu den Herausforderungen des Lebens, sagt auch das Leben ja und bietet Dir scheinbar zufällig neue Möglichkeiten an, auch von außen (sogenannte Zufälle). Dann entsteht aus Verstehbarkeit Vertrauen – das Vertrauen darin, dass die Welt in gewissen Grenzen vorhersehbar, erklärbar und berechenbar ist und Dir Chancen für Deine Weiterentwicklung bietet.

Kannst Du damit etwas anfangen? Wie verstehbar ist für Dich die Verstehbarkeit?

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