Was ist der Sinn?

Mit der Suche nach Sinn habe ich schon sehr viel Zeit in meinem Leben verbracht und bin immer wieder zu unterschiedlichen Erkenntnissen gekommen. Am meisten voran gebracht hat mich die Erkenntnis, dass Sinn nicht nur gesucht werden muss, sondern auch bereits da ist: Ich selbst gebe den Dingen einen Sinn durch die Art und Weise wie ich damit umgehe und was ich daraus mache. Und manchmal erkenne ich auch erst im Nachhinein den Sinn eines Ereignisses.

Die Suche nach Sinnerfüllung scheint eine Gemeinsamkeit aller Menschen zu sein und das Gefühl, als Mensch etwas Sinnvolles zu tun und in etwas Sinnvolles eingebettet zu sein, ist notwendiger Bestandteil unserer Integrität und Gesundheit. Die Suche nach Sinn ist also eine Grundmotivation des Menschen. Aus dieser Erkenntnis begründete der Neurologe, Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor Frankl in den späten 20er Jahren die Logotherapie und Existenzanalyse, die später zu einem anerkannten Psychotherapieverfahren weiter entwickelt wurde.

Frankl ging davon aus, dass der „Wille zum Sinn“ unser Leben bestimmt: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Wie wichtig es ist, etwas zu haben, was unserem Leben einen Sinn gibt, zeigt sich besonders in Situationen, in denen wir aus unserem Alltagstrott herausgerissen werden, beispielsweise durch schwere Schicksalsschläge, die uns zwingen, unser Leben neu auszurichten: „Es gibt nichts auf der Welt, das einen Menschen so sehr befähigt, äußere Schwierigkeiten oder innere Beschwerden zu überwinden, als das Bewusstsein, eine Aufgabe im Leben zu haben.“

Die Willensfreiheit und Verantwortungsfähigkeit des Menschen geben jedem einzelnen die Aufgabe, „das Bestmögliche in sich und der Welt zur Geltung zu bringen“. Wenn der Mensch seinen Willen zum Sinn im Leben nicht umsetzen kann, entstehen Sinn- und Wertlosigkeitsgefühle, die zu Krankheiten führen können. Die Aufgabe besteht also darin, in jeder Situation den Sinn des Augenblicks zu erkennen und zu verwirklichen. Die Logotherapie und Existenzanalyse vermittelt daher keinen allgemeinen Lebenssinn, sondern hilft dem Menschen dabei, seinen Alltag nach seinen Werten sinnvoll zu gestalten. Denn in jeder Situation warten auf jeden Menschen jeweils andere Sinnmöglichkeiten darauf, von ihm erkannt und verwirklicht zu werden.

Was bedeutet das nun konkret für Dich? Wie kannst Du das Thema Sinnhaftigkeit für Deine Ressourcenstärkung nutzen? Die Antwort ist einfach, und wenn Du das hier liest, bist Du eigentlich schon dabei: Fange an, Dich mit Dir selbst zu beschäftigen. Häufig wenden Menschen jahrzehntelang ihre ganze Energie für die Arbeit auf, ohne ihre persönlichen Werte und Ziele zu ergründen. Wie ist das bei Dir? Machst Du, wie so viele Menschen, alles zu wichtigen Dingen, außer Dich mit Dir selbst zu beschäftigen? Dann darfst Du die nächste persönliche oder gesundheitliche Krise dazu nutzen, um Deinen ganz individuellen Sinn zu finden.

Erst persönliche Werte und Motivation geben Deinem Handeln eine Richtung. Deshalb ist es so wichtig, Dir Zeit für Dich zu nehmen, um zu erkennen, was für Dich zählt. Der Schriftsteller Oscar Wilde sagte einmal: „Ziel des Lebens ist Selbstentwicklung. Das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen – das ist unsere Bestimmung.“ Wenn Du das auch für Dich erkannt hast, stelle Dir in aller Ruhe (am besten regelmäßig) die folgenden Fragen:

  • Wofür bin ich hier?
  • Was begeistert mich?
  • Wie kann ich meinen Beitrag leisten?
  • Wofür stehe ich im Leben?
  • Warum tue ich das, was ich tue?
  • Was ist mir wirklich wichtig?
  • Wofür würde ich mich leidenschaftlich einsetzen?
  • Wie und wo kann ich meine Stärken und Talente einsetzen?

Huh, schwierige Fragen, oder? Wenn Du sie nicht spontan beantworten kannst, mache Dir klar, dass Deine Antworten nicht in Stein gemeißelt sein werden, sondern jederzeit revidiert werden dürfen. Ja, Du darfst immer wieder Kurskorrekturen vornehmen und Deinen Standpunkt aufgrund Deiner eigenen Entwicklung verändern. Standpunkt ist hier eigentlich gar nicht das richtige Wort, denn es suggeriert, dass Du auf einem einzigen Punkt stehst – Radius genau Null! Das Leben ist aber Veränderung und Entwicklung, und deshalb darfst Du Dir die essentiellen Fragen immer wieder neu stellen und sie auch immer wieder neu für Dich beantworten.

Wenn Du für Dich persönlich Antworten auf einige oder alle Fragen gefunden hast, mache eine Bestandsanalyse Deines Lebensalltags, um zu erkennen, wo Du bereits Raum hast, um Deinen Sinn zu leben, und in welchen Bereichen dies noch nicht der Fall ist. Wenn Du wirklich vorwärts kommen willst, finde einen ersten Veränderungsschritt, der Dich in die richtige Richtung bringt. Versuche, Dein Leben in kleinen Schritten so auszurichten, dass Du später mit einem Gefühl der Zufriedenheit darauf zurückblicken kannst.

Wenn Du genau weißt, was Deine persönlichen Werte und Motivationen sind, was Dein Sinn ist und wie Du diesen in Deinem Leben verwirklichen kannst, dann können Dich schwere Schicksalsschläge weniger aus der Bahn werfen. Du stehst dann so gefestigt im Leben, dass Du schneller wieder auf die Beine kommst. Ich verwende hier gern das Bild einer Stahlfeder: biegsam, aber trotzdem stabil. Du wirst Möglichkeiten finden, mit schwierigen Ereignissen umzugehen und viel schneller wieder handlungsfähig werden, als wenn Du wie ein Blatt im Wind herumfliegst.

Wenn Du Dich dem Gedanken öffnest, dass alles eine tiefe Berechtigung hat, egal ob Du diesen Sinn bereits erkennst oder nicht, fühlst Du ein Stück Erleichterung und Hoffnung in Dir, egal wie schlecht es Dir geht. Noch etwas wird passieren: Deine innere Stärke wird mit jeder erfolgreich bewältigten Situation weiter wachsen, und Du wirst noch mehr gestärkt daraus hervor gehen. Schwierige Zeiten dienen Dir nun geradezu dazu, Dir zu zeigen, wie stark Du bist. Auf diese Weise können Schicksalsschläge zum inneren Wachstum führen, und somit kann auch darin ein Sinn gesehen werden.

Die Logotherapie/Existenzanalyse ist von dem Gedanken getragen, dass Sinn eine Wirklichkeit in der Welt ist und nicht nur im Auge des Betrachters liegt. Der Leitsatz lautet: „Sinn muss gefunden werden, er kann nicht gegeben werden“. Ich habe diese Sichtweise für mich ergänzt, vor allem in den Situationen, die mich den Sinn nicht auf Anhieb erkennen lassen. Dann betrachte ich es als meine Aufgabe, selbst Sinn zu schaffen durch meine Art des Umgangs mit der Situation, also durch das, was ich daraus mache. Und wenn mir auch das nicht gelingt, dann habe ich die tiefe Überzeugung, dass es einen Sinn gibt, den ich noch nicht erkennen kann. Alles, was geschieht, steht in einem sinnvollen, gesetzmäßigen Zusammenhang mit allem. Und manchmal erkenne ich ihn zumindest im Nachhinein.

Ob Du nun selbst Sinn produzierst, indem Du Dich fragst, was Deine Aufgabe ist und was sich für Dich stimmig anfühlt, oder ob Du Dich ganz nach der Lehre von Frankl richtest, d. h. Dich vom Leben „gefragt“ fühlst und dem Leben nach Deinen Werten und Zielen „antwortest“, ist meines Erachtens gar nicht entscheidend. In jedem Fall übernimmst Du die Verantwortung für den Umgang mit dem, was Dir das Leben bietet, und nutzt damit eine ganz wertvolle Ressource für Gesundheit und Lebensqualität.

„Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel richtig setzen“ (Aristoteles)

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