Wie gesund sind Gefühle?

GefühleGefühle kommen und gehen, die schönen wie die unschönen. Es entspricht nicht unserer Natur, pausenlos glücklich zu sein, auch wenn uns die Werbung das suggerieren will! Daher ist es weder notwendig noch hilfreich, sich bei jedem Aufkommen unangenehmer Gefühle selbst zu betäuben. Im Gegenteil: Auf die Dauer kann das sogar sehr ungesund werden! Der Umgang mit Gefühlen spielt nämlich eine zentrale Rolle für die Gesundheit.

Gefühle sind Energien im Körper, die zu messbaren Körperprozessen führen. Energien können umgewandelt oder gespeichert werden. Insbesondere unangenehme Gefühle können bei „falscher Zurückhaltung“ die Gesundheit beeinträchtigen. Leid wird nämlich genau dadurch erzeugt, dass wir versuchen, Gefühle zu vermeiden. Eine Strategie, die sehr viele von uns in der Kindheit erlernt haben. Umgekehrt führt das intensive Erleben von Gefühlen zu stabiler Gesundheit.

Methoden zur Vermeidung

Bei vielen Methoden aus dem Umfeld des positiven Denkens geht es allerdings darum, den inneren Schmerz nicht zu fühlen, und damit den unangenehmen Gefühlen auszuweichen. Es wird suggeriert, dass unangenehme Gefühle nicht sein müssen, dass Gefühle „gemanagt“ werden können. Gleichzeitig impliziert diese Herangehensweise auch, dass es ein Leben ohne unangenehme Gefühle geben könnte. Und genau das stimmt nicht: Ohne Schatten gibt es kein Licht, egal ob der Schatten verdrängt wird oder nicht.

Sich nicht den Gefühlen zu stellen, heißt nämlich nicht, dass sie deswegen nicht mehr da sind. Genau wie Medikamente nur zur Unterdrückung von Symptomen führen, tun dies auch Suggestionen, Affirmationen, Mantren und andere Mental-Methoden. Sie führen nicht zu einer konstruktiven Verarbeitung von Gefühlen, sondern höchstens dazu, den Schmerz im Moment nicht mehr zu fühlen. Das mag in bestimmten Situationen sinnvoll sein, ist aber keine langfristige Lösung. Es führt vielmehr dazu, dass die gesamte emotionale Energie gespeichert wird und daraus (manchmal erst viel später) chronische Beschwerden oder sogar Krankheiten entstehen.

Was unangenehme Gefühle am meisten nährt, ist Widerstand. Nichts schafft so viel Leid wie der Kampf gegen die eigenen Gefühle. Je mehr Gefühle abgelehnt werden, desto hartnäckiger bleiben sie. Bekämpfen kostet bzw. bindet Energie, denn Du kämpfst gegen etwas an, was Du gar nicht vermeiden kannst, weil es eh schon da ist. Es ist, als ob Du einen fließenden Strom aufzuhalten versuchst. Du erhöhst damit den inneren Druck noch mehr und verletzt Dich zusätzlich selbst, wenn Du versuchst, der Verletzung auszuweichen. Am schlimmsten ist es, wenn Du Dich auch noch dafür verurteilst, dass unangenehme Gefühle in Dir aufkommen und es Dir nicht gelingt, sie zu kontrollieren. Das macht alles umso schmerzhafter.

Dann gibt es wiederum jede Menge Strategien, um bloß nicht fühlen zu müssen: Essen, Fernsehen, Internet, Einkaufen, Zigaretten, Alkohol, Drogen, Beruhigungsmittel, Antidepressiva und vieles mehr. Oder die ganze Palette von mentalen Strategien, um Gefühle nicht zu fühlen (s. o.). Gefühle lassen sich aber weder durch Ablenkungsmaßnahmen noch durch Gedanken kontrollieren, zumindest nicht langfristig.

Den Widerstand aufgeben

Erst wenn negative Gefühle angenommen werden, wenn sie zugelassen und durchlebt werden, haben sie die Möglichkeit, sich zu wandeln und aufzulösen. Dann kann Dir im wahrsten Sinne des Wortes ein Stein vom Herzen fallen, und Du fühlst Dich erleichtert. Die blockierte Energie kann wieder fließen und konstruktiv genutzt werden. Schmerzhafte Gefühle zulassen bedeutet also, sie zu fühlen, ohne sie destruktiv auszuleben.

Annahme und Integration dessen, was Du nicht willst, ist genau der Schlüssel, um Dich davon zu befreien. Erlaube Dir, das zu fühlen, was eh schon da ist und befreie Dich damit selbst. Gesundheit ist Widerstandslosigkeit – gedanklich und seelisch zur Ruhe kommen und einfach nur fühlen, was ist. Das bringt die Lebensenergie zurück. Dann können Selbstheilungskräfte gedeihen und Heilung kann geschehen.

Der erste Schritt dahin ist Zuwendung und Wohlwollen. Wenn Du Dich von unangenehmen Gefühlen befreien willst, entwickle mehr und mehr die Bereitschaft, sie erst einmal zu fühlen, sie einfach da sein zu lassen und nichts damit zu machen, sie nicht zu bewerten, Dich nicht abzulenken und nichts verändern zu wollen. Liebende Annahme ist der Schlüssel zur Veränderung. Und es ist ein Schritt zur Selbstliebe: Du zeigst Dir damit selbst, dass Du zu Dir stehst, egal was Du fühlst.

Wenn Gefühle da sein dürfen, führt das im Endeffekt genau dazu, dass sie nicht mehr so häufig und stark auftreten. Denn die Gefühle an sich sind gar nicht entscheidend, sondern erst Dein Widerstand dagegen macht sie so hartnäckig und leidvoll. Sie bleiben, solange das NEIN da ist (wie alles im Leben, zu dem Du NEIN sagst), und sie gehen, sobald sie bejaht werden. Eine zutiefst bejahende, akzeptierende Einstellung sorgt dafür, dass Du Dich entspannen kannst und der Schmerz nachlässt.

Anders ausgedrückt, führt das vollständige Annehmen und Wertschätzen der unangenehmen Gefühle dazu, dass Du sie mehr und mehr integrierst und ihnen dadurch die Macht entziehst. Vor allem bewahrst Du Dich damit vor Auswirkungen auf Deine seelische und körperliche Gesundheit. Ein mögliches Vorgehen zur liebenden Annahme habe ich bereits unter dem Thema „Bewältigbarkeit“ im Rahmen des Salutogenese-Konzepts vorgestellt. Hier ist eine weitere Alternative:

Wohlwollende Zuwendung zu einem Gefühl, um diesem die Macht zu entziehen

Wenn ein unangenehmes Gefühl in Dir auftaucht, schließe die Augen und atme bewusst ein und aus. Begegne Deinem Gefühl wie ein liebender Freud, der für alles Verständnis hat. Versuche die Einstellung zu entwickeln, dass alles gut so ist, wie es ist. Es ist okay, dass Du dieses unangenehme Gefühl hast, es darf da sein und will beachtet werden. Möglicherweise will es Dich auf etwas hinweisen. Nimm es ganz bewusst und wohlwollend wahr, ohne Vorbehalte, so wie Du es bei einem Menschen tun würdest, den Du liebst. Sage laut: „Du darfst jetzt da sein, ich bin bereit, Dich zu fühlen.“ Tue absichtlich nichts – werde innerlich still, spüre Deinen Atem und sei ganz präsent mit dem, was gerade da ist. Spüre, wie sich beim Durchleben des Gefühls die unangenehme Wirkung wie von selbst auflöst. Stelle Dir vor, wie Du das Gefühl aus Deinem Körper entlässt. Bleibe mit Deiner Aufmerksamkeit so lange da, bis Du Dich vollkommen entspannt hast.

Nachdem Du dieses Fließen- bzw. Loslassen von Gefühlen häufiger praktiziert hast, wirst Du erleben, dass Dich zukünftige Katastrophen und Ärgernisse viel weniger leicht aus der Ruhe bringen können und Du eine höhere Gelassenheit entwickelst. Es gibt dann keine (oder weniger) gespeicherte Energien mehr in Dir, die durch aktuelle Ereignisse „angekickt“ werden und zu automatischen Reaktionen führen, die wiederum starke Gefühle erzeugen, denen Du scheinbar machtlos ausgeliefert bist (auch als Impulsivität bezeichnet). Auch belastende Ereignisse können dann keine Macht mehr über Dich gewinnen, können Deine Lebensenergie nicht mehr binden. Du befindest Dich vielmehr in einem Zustand der Ausgeglichenheit, der einen gesunden Umgang mit Gefühlen ermöglicht. Das ist eine gute Voraussetzung für emotionale Kompetenz.

Um gesund zu bleiben, solltest Du Deinen Gefühlen also nicht ausweichen oder sie von vorn herein versuchen zu vermeiden, sondern sie einfach da sein lassen, um sie anschließend loslassen zu können und dadurch neue Handlungsenergie zu gewinnen. Die Ehrlichkeit zu Deinen Gefühlen und allem, was in Dir ist, weist Dir auch den Weg zu konstruktiven Entscheidungen, wie Du mit den Auslösern der Gefühle umgehen kannst. Das führt zu innerem Wachstum und zu Gesundheit.

2 Gedanken zu „Wie gesund sind Gefühle?

  1. Gopal

    Vielen Dank für den Artikel! Es ist die Essenz der Heilung meiner Meinung nach, das was unserer Gesellschaft am meisten fehlt, nämlich die Fähigkeit zu fühlen. Ergänzen würde ich noch, dass es
    dabei immer gut ist gleichzeitig mit der Gefühlstiefe auch die Ressourcen zu entwickeln. Gemeinsam fühlt es sich leichter. Auch das ist ein merkwürdiges Phänomen dieser Zeit, dass wir die Idee haben alles alleine machen und bewältigen zu müssen.

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    1. Karin Berger Beitragsautor

      Absolut richtig! Wobei ich glaube, dass die Idee, alles alleine bewältigen zu müssen viel damit zu tun hat, sich nicht richtig zu fühlen mit dem was da ist (und was daher vehement versucht wird, zu verdrängen). Wer nicht mal sich selbst gegenüber zu den eigenen Gefühlen stehen kann, will sie natürlich erst recht nicht anderen gegenüber eingestehen. Und dieses „so tun als ob“ ist wiederum eine Folge der gesellschaftlichen Haltung gegenüber Gefühlen. Danke für diese Ergänzung!

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